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Sonntag, 28. Juni 2009
Epilog
Für mich hat es sich ausgebloggt an dieser Stelle.

Danke fürs Lesen/Kommentieren/Verlinken/Vertonen.

Byebye von bomec

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Mittwoch, 27. Juni 2007
CSI Berlin
Jemand tippt mir auf den Arm.

„What you writing?“

Die Stimme klingt ganz hell und sanft, wie von einem Kind. Ich schaue von meinem Tagebuch auf und bin für einen kurzen Moment orientierungslos. Das Cafe hat sich gefüllt seit ich hierher gekommen bin, draußen regnet es in Strömen. Mir gegenüber am Tisch des Cafes sitzt wirklich ein Kind, genauer gesagt ein arabisch aussehender Junge, vielleicht fünfzehn Jahre alt, und schaut mich mit großen Augen an. Er scheint mich schon längere Zeit zu beobachten. Ich habe nicht bemerkt, wie er sich zu mir gesetzt hat. Außer dem Jungen sitzen auch noch zwei ältere Männer am Tisch und spielen Backgammon.

„What you writing?“, fragt der Junge nochmal und runzelt fragend die Stirn. „You writing histories? I very like histories.“

Der Junge späht neugierig auf mein Tagebuch, verrenkt sich beinahe den Kopf bei dem Versuch, meine Schrift zu entziffern. Reflexartig verdecke ich das Geschriebene mit dem Arm, klappe
das Moleskine zu, lege schützend die Hand darüber.

„I am writing down some personal thoughts and experiences which I had“, sage ich dem Jungen.
Ein bisschen kommt mir die Situation vor wie die erste Szene des „Kleinen Prinzen“, in dem der Autor mitten in einer gottverlassenen Wüste plötzlich ein Stimmchen hört, das sagt: „bitte, zeichne mir ein Schaf!“

„But WHAT you writing? You writing histories? I very like histories. Please.“

(Was soll ich Dir sagen, Kleiner? Mein Name ist Kommissar Filmriss, CSI Berlin. Ich habe mich an diesem Wochenende mal wieder abgeschossen und fahnde gerade intensiv nach mir selbst. Ich bin wirklich sehr beschäftigt. Gerade war ich dabei, den verbrannten Scherbenhaufen in meinem Gehirn nach verwertbaren Details zu durchsuchen, um den Verlauf des Wochenendes zu rekonstruieren. Viele konkrete Erinnerungen sind es nicht, die ich gefunden habe. Ich habe ganze Arbeit geleistet. Professionell das Ganze. Ich bin ein Serientäter und mache mir selbst die Ermittlungen nicht leicht. Die wenigen unscharfen Momentaufnahmen, die ich mit dem Kugelschreiber aus den verschmorten Überresten meiner Synapsen herauspulen konnte, liegen hier auf dem Seziertisch meines Tagebuchs ausgebreitet. Und die sind nicht jugendfrei. Da ist zum Beispiel das Bild der zahnlosen Transe in einer Klokabine des Berghain, die so aus dem Maul stank, dass mir übel wurde. Sie zog einen Plastiksack voll rosafarbener Pillen aus ihrem Slip und berichtete mir von ihrer Zeit als Junkie, während sie die Tabletten mit ihren rotlackierten, abgekauten Fingernägeln abzählte. Ich versuchte gleichzeitig mitzuzählen und meine Nase so weit wie möglich von dem ekelerregenden Geruch wegzuhalten, um nicht kotzen zu müssen. Oder eine kurze Videosequenz auf meinem Mobiltelefon, aufgenommen gegen zwei Uhr mittags, Fahrt in einem Großraumtaxi durch Berlin, sieben oder acht Jungs mit Sonnenbrillen, ein junger Türke lehnt sich aus dem Fenster und brüllt ohne Unterbrechung „Ficken! Ficken! Ficken!“ Der Glastisch in dem schicken Hotelzimmer am Bahnhof Zoo, in dem die Jungs sich zwischen den Clubs frischmachten, auf gesamter Breite mit Linien aus weissem Pulver bedeckt. Die Schaukel im KitKatClub, ich eingequetscht zwischen zwei halbnackten Typen und kreischend über die Masse der Tanzenden durch die Musik fliegend, eine Flasche Poppers in der Hand, die irgendwann herunterfiel und auf der Tanzfläche zerplatzte. Die vögelnden Sados im Garten hinter dem KitKat mit ihren heruntergezogenen Plastikhosen und rotgestriemten Ärschen. Das zerschrammte Gesicht eines Bekannten, der im Treppenhaus des Berghain berichtete, er sei hingefallen, weil er im Licht der Stroboskope einem Typen auf der Tanzfläche in die Augen geschaut und dessen Pupillen mit dem Ausgang verwechselt habe, so groß seien die gewesen. Die Stempel von GMF und Bar 25 auf meinem Unterarm am nächsten Tag, keine Ahnung, wie die dorthin gekommen sind. Ich erinnere mich nicht, dort gewesen zu sein. Willst Du noch mehr hören? Gefällt dir diese Geschichte?)

„How old are you by the way?“, frage ich den Jungen im Cafe. „And where are you from?“

„My name Adam, me sixteen years old. I from Tunesia.“

Der Junge lächelt mich an. Ein sanftes, offenes Kindergesicht unter seiner roten Kappe. Lange Wimpern über braunglänzenden Augen. Schmale Kinderhände. Er ist so alt wie mein Neffe. Ich schäme mich dafür, was ich in mein Tagebuch geschrieben habe. Was ich an diesem Wochenende erlebt habe. Was ich aus meinem Leben mache. Sicherlich dachte der Kleine, ich würde richtige Geschichten schreiben. Spannende Geschichten mit Anfang und Ende, in denen die Guten siegen und das Schlechte vernichtet wird. Nicht so einen Dreck. Wie schön es doch sein muss, so jung und unbeschwert zu sein. In diesem Alter ist die Welt noch in Ordnung. Manchmal sehne ich mich danach, noch einmal so jung und naiv zu sein.

Der Junge nimmt meinen Kugelschreiber und kritzelt etwas auf einen Bierdeckel.

„I give you telefon. You call me. You can fuck me 50 Euro. You like?“

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Donnerstag, 21. Juni 2007
Madrid II
Die Tage sind voll. So voll, dass ich kaum dazu komme, die Erlebnisse aufzuschreiben. Im handschriftlichen Tagebuch bin ich dazu übergegangen, nur noch die Fakten zu notieren. Keine ausformulierten Beschreibungen. Keine Geschichten. Eine Dokumentation des Tagesgeschehens lediglich. In welcher Stadt was gemacht, worüber nachgedacht, wen getroffen, mit wem geschlafen. Fakten. Kurze Sätze. Subjekt, Prädikat, Objekt. Aktennotitzen, mit deren Hilfe ich mich in einigen Jahren daran zu erinnern hoffe, was in diesen Wochen und Monaten, die so schnell vorbeirasen, geschehen ist. Ich befürchte, daß von dem Erlebten nichts bleibt, wenn ichs nicht in geschriebenen Worten konserviere. Daß ich bei der momentanen Geschwindigkeit (und Oberflächlichkeit, ja!) der Episoden schon bald wieder alles vergessen haben werde. Daß die Jagd nach Erlebnissen umsonst ist, weil ich die Erlebnisse gar nicht wirklich erlebe, weil ich sie nicht sorgfältig genug abspeichere. Der Erfahrungsschatz ist kein Schatz, wenn die Juwelen in inflationären Mengen in den inneren Tresor gekippt werden, und man keine Zeit hat, sie zu ordnen und zu pflegen. Wenn man sich keine Zeit nimmt, auch die popligste aller Granatbroschen in aller Ruhe zu betrachten, zu polieren und auf ein kleines dunkelgrünes Samtkissen zu stecken. Und sie vorallem von Zeit zu Zeit auch zu tragen. Was helfen Granatbroschen oder Erfahrungen, wenn man sich nicht die Zeit nimmt, sich an ihnen zu freuen und sie zu geniessen?

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Samstag, 2. Juni 2007
Der einsame Baum
Ich sitze im Haus meiner Eltern im Esszimmer. An der Wand hängt dieses Bild, das mich mein ganzes Leben lang begleitet hat. Der Druck eines Ölgemäldes von Caspar David Friedrich. Gewitterstimmung in dunklen Farben, eine Moorlandschaft, schwefelgelber Himmel, im Hintergrund eine Bergkette, und in der Bildmitte diese riesige, verknöcherte Eiche, deren Wipfel zersplittert ist, wahrscheinlich von einem Blitzschlag. Im Zwielicht lehnt am Stamm des Baumes eine Person, ganz klein und verloren in der weiten Landschaft, es ist ein Schäfer, der seine Schafe beaufsichtigt. Der Titel des Bildes ist "Der einsame Baum". Seit ich denken kann hängt dieser Druck in einem einfachen, goldlackierten Holzrahmen im Esszimmer meines Elternhauses über dem Sideboard aus Mahagoni-Fournier.

Schon als Kind fand ich die auf dem Bild dargestellte Szene gleichsam faszinierend wie beängstigend. Die Weite und Verlassenheit der Landschaft, die bedrohliche Gewalt der Natur, vor allem die Einsamkeit des Schäfers, der dort bei seinen Schafen am Baum lehnt, beschäftigte mich sehr. Einerseits sehnte ich mich in dieses Bild, ich stellte mir vor, wie es sein würde, dort im Moor durchs feuchte Gras zu stapfen, ganz alleine auf mich gestellt und den Naturgewalten ausgeliefert zu sein. Eine aufregende Vorstellung, die Vorstellung von Freiheit und Unabhängigkeit und Abenteuer. Gleichzeitig machte mich der Anblick des Bildes traurig und schürte in mir eine Panik vor dem Alleinsein. Ein einsamer Baum, ein einsamer Mann, die im Moor stehen und den Naturgewalten trotzen. Es macht nicht den Eindruck, als hätten sie eine Wahl.

Manchmal scheint es mir, als beinhalte dieses Bild eine Symbolik, die für mein gesamtes Leben gilt. Wenn mein Leben ein Zimmer wäre, so würde „Der einsame Baum“ an einer der Wände hängen. Auf der gegenüberliegenden Wand hätte ein Gemälde von Hieronymus Bosch seinen Platz, wahrscheinlich „Der Garten der Lüste“. Ich würde dann von einer Seite des Zimmers zur anderen hetzen, würde mich mal zur kühlen Einsamkeit, dann wieder zum bunten Exzess hingezogen fühlen, ohne mich entscheiden zu können. Während ich das eine Bild anschaute, würde ich immer das andere vermissen, das ich im Rücken habe. Ich würde versuchen, die beiden Bilder nebeneinander zu hängen an eine Wand, um sie gleichzeitig betrachten zu können, aber die Gemälde sind zu groß, sie passen nicht nebeneinander. Ich könnte mich niemals entscheiden, welches Bild ich lieber anschauen würde. Wie eine Metallkugel in einem Magnetfeld würde ich von einer Seite meines Zimmers auf die andere kullern und wieder zurück, ohne jemals zur Ruhe zu kommen.

Aber was heißt, ich würde?

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Beijho Brasileiro
Beijho Brasileiro

Ich stehe an der Bar des Week, eines der abgesagtesten Gay-Clubs in Sao Paulo. Es ist sechs Uhr morgens, die Musik ist sehr progressiv, die Tanzfläche überfüllt, in der rechten Hand halte ich einen Gin Tonic, in der linken den harten Schwanz von Thiago. Er steht hinter mir, bewegt sich zum Rhythmus, und wenn er mich küsst, und mir auf brasilianisch ins Ohr flüstert, was er später alles mit mir machen wird, dann berühren seine Haare ganz leicht mein Ohr, und ich bekomme Gänsehaut.

Ich habe Thiago vor einigen Monaten auf einer Party bei meinem Freund Rubens kennen gelernt, mit dem ich auch heute hier verabredet war. Rubens ist seit zwei Stunden in der Menge der Tanzenden verschwunden, nachdem wir uns kurz gesehen haben, aber Thiago steht direkt hinter mir, drängt sich gegen mich, streichelt mich, und ich spüre seinen Atem im Nacken. Er ist zweiundzwanzig Jahre alt, ein wunderschöner, energiegeladener Junge mit strahlenden Augen, einem bezaubernden Lächeln und wilden, schwarzen Locken, ein leidenschaftlicher Handballer. Er spricht nur portugiesisch, und wenn er mir etwas erzählen möchte, dann nimmt er meine Hand, kommt ganz nahe an mich heran, sein Blick fixiert mich, er artikuliert sorgfältig, spricht langsam, und formt mit seinem Mund die einzelnen Silben, so als würde er vorsichtig einen Himbeerbombon nach dem anderen in meine hohle Hand spucken. Hat er dann den Eindruck, dass ich verstanden habe, strahlt er über das ganze Gesicht, und gibt mir zur Belohnung einen Kuss auf den Mund. Ich schaue ihn gerne an. Er verhält sich so natürlich und ungefiltert, tanzt, lacht, fasst sich an, strahlt eine fröhliche, ungenierte und selbstbewusste Erotik aus, die mich süchtig macht.

Mein Gin Tonic ist leer, auf der Terrasse des Week ist es bereits hell, und die Musik wird immer härter. „Vamos embora?“ fragt Thiago, strahlt mich an, und zieht seine Hose zurecht. Ich überlege kurz, nochmal nach Rubens zu suchen, aber dann stimme ich zu, und lasse mich Richtung Ausgang ziehen. Wir bezahlen, laufen auf die Straße, es regnet. Wir suchen Schutz in einer Bushaltestelle, warten auf ein Taxi, küssen uns, ignorieren die Blicke der Leute, die neben uns stehen und auf den Bus warten, um zur Arbeit zu fahren. Endlich kommt ein Taxi, wir schlüpfen ins Trockene, nennen meine Hoteladresse, küssen uns weiter. Der Fahrer ist ein älterer Brasilianer, er fährt sehr vorsichtig, und konzentriert sich voll auf die die Straße. Es geht durch verwaiste Industriegebiete und über leere Autobahnen. Thiago lässt sich auf meinen Schoss sinken, als sei er müde, öffnet meine Hose, und beginnt, meinen Schwanz zu lutschen. Ich wage kaum zu atmen, beobachte im Rückspiegel die Augen des Taxifahrers, der so tut, als bemerke er nichts, berste fast vor Geilheit, und versuche vergeblich, Thiago an den Locken wieder in die Vertikale zu ziehen. Als ich registriere, dass der Fahrer kurz vor dem Hotel die falsche Ausfahrt der Schnellstraße genommen hat, ist es bereits zu spät, um umzukehren, wir steigen auf dem Randstreifen aus, rennen Hand in Hand über die Fahrbahn Richtung Hotel, müssen nur noch einen Tunnel durchqueren, um endlich anzukommen.

Sechsspurige Asphaltpiste, gelbes Neonlicht, ein staubiger Fußweg, leicht erhöht und durch eine Leitplanke vom Autoverkehr abgetrennt. Wir haben kaum die Hälfte des Tunnels durchquert, als Thiago mich an die Betonwand drückt und vor mir auf die Knie geht. Autos fahren wenige Meter vor uns vorbei, ich hoffe, dass die Fahrer nicht den schwarzen Lockenkopf erkennen, der sich vor meinem Schritt bewegt, mache ein unbeteiligtes Gesicht und tue so, als stünde ich rein zufällig hier; reiße mich dann los, und ziehe Thiago mit mir. Es fehlen etwa dreihundert Meter bis zu meinem Bett. Wir verlassen den Tunnel, laufen eine Treppe hoch, müssen nur noch eine große Verkehrsinsel und eine Straße überqueren, die von rechts kommend auf die Autobahn einmündet, und die Hoteleinfahrt hochlaufen.

Auf der Verkehrsinsel steht ein tropischer Baum, dessen Stamm sich unmittelbar über dem Boden gabelt, und von dessen glänzend grünen Blättern der Regen tropft. An diesen Baum schiebt mich Thiago, grinst mich an, geht in die Hocke, nimmt meinen Schwanz in den Mund, spuckt darauf, kommt wieder hoch, dreht sich um, zieht seine weiße Sporthose herunter, und lässt sich meinen Schwanz in einem Rutsch tief in den Arsch gleiten. Inzwischen ist es taghell, es regnet in Strömen, und auf allen Seiten fahren in etwa zwanzig Metern Entfernung zahlreiche Autos vorbei. Einige Fahrer sehen uns, sie hupen und gestikulieren, aber Thiago lacht nur, winkt ihnen sogar zu, reitet weiter auf mir, und stöhnt leise vor sich hin. Ich schließe die Augen, presse das Gesicht tief in sein nasses Haar, rieche an seinem Nacken, spüre die Hitze seiner Haut, die nasse Rinde des Baumes an meinem nackten Hintern, die kühlen Regentropfen, die auf uns niederprasseln, atme tief die Morgenluft ein, höre die Motoren und das Hupen der vorbeifahrenden Autos, und über uns, im Geäst des Baumes, einen zwitschernden Vogel. Es ist mir egal. Ich will nicht denken, schalte meinen Kopf aus. Das einzige, was ich will, ist diesen Moment mit allen Sinnen zu genießen.

Irgendwann schaffen wir es doch ins Hotel, begegnen noch einem brasilianisches Hochzeitspaar, das sich in der menschenleeren Lobby fotografieren lässt, stehlen uns vorbei an der Rezeption und den vielsagenden Blicken der Angestellten, bemerken glücklicherweise, dass im Fahrstuhl eine Überwachungskamera angebracht ist, erreichen mein Zimmer, schließen die Tür, reißen uns die Kleider vom Körper und fallen- endlich! - übereinander her. Im Bett. Allein. Und mit Gummis.

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Freitag, 18. Mai 2007
Staub
Meine Augen gleiten langsam die Wände empor zur Stuckbordürde unter der Decke. Dort bleiben sie hängen, huschen hin und her über die floralen Gipsmuster auf der Suche nach Antworten. Sie wirbeln Namen auf, viele Namen, die im Zwielicht meines Zimmers auf mich herunterrieseln wie helle Staubflocken. Namen und Bilder. Gesichter. Szenen. Augenblicke der Nähe. Vergangene Momente. Verlorene Menschen. Ich kann mich nicht bewegen. Liege im Arm eines Fremden, der mir vorgestern noch unbekannt, gestern schon vertraut und heute bereits zuwider ist. Sein Arm umklammert mich, drückt mich ins Kissen. Er schläft. Seine andere Hand an meiner Hüfte, der Atem streicht über meine Nackenhaare, seine Lenden drängen sich an meinen Oberschenkel. Ich liege starr und steif und schaue an die Decke. "All I need" von Air klingt leise aus den Lautsprechern. Die Staubflocken der Erinnerung fallen immer dichter, jetzt sind es dicke, grauweisse Flocken, fast wie Schnee. Ganz langsam schweben sie von der Decke auf mich herab, auf mein Bett. Wie die Asche eines Vulkans. Fallen auf mein Gesicht und decken mich zu. Wollen mich ersticken. Die Körperwärme des Fremden neben mir lässt mich schwitzen. Ich liege starr und bewege mich nicht. Ich will ihn nicht wecken. Ich will ihn nicht verletzen. Ich will ihm nicht sagen, dass ich an andere denke, mich nach anderen sehne, während ich hier neben ihm liege. Dass es falsch ist, so wie es ist. Dass ich schon weg bin. Dass ich aber, wenn er mich schon wieder vergessen haben wird, irgendwann neben einem Fremden liegen und an ihn denken werde. Dass mir sein Name eines Nachts einfallen wird und dass das Bild seines Gesichts ganz langsam auf mich hinabschweben und mich zudecken wird. Dass ich mich dann wieder fragen werde, warum ich damals alles falsch gemacht habe.

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Fuckers Mother
Die Frau hat eine brünette Kurzhaarfrisur und warme, braune Augen. Sie dreht den Kopf zur Seite und lächelt mir amüsiert über die Schulter zu. Dabei zieht sie die mir zugewandte Augenbraue nach oben. Sie ist sehr attraktiv, keine Frage, sicherlich schon jenseits der 50, aber man sieht ihr an, welche Energie in ihr steckt.
Ich kenne die Frau nicht. Aber ich ahne, wer sie ist. Seit einigen Minuten knie ich nackt und auf allen Vieren vor ihr und schaue sie an. Ihr Blick ist mir unangenehm. Ich fühle mich beobachtet. Sie sieht missbilligend aus.
Dann traue ich mich zu fragen: „Wer ist die Frau auf dem Foto da?“, frage ich.
Zwischen meinen Pobacken kommt das Gesicht von Ben hervor, er schaut zum Nachttisch und sagt „Meine Mutter. Wieso?“. Er taucht wieder ab und steckt mir energisch seine Zunge in den Arsch.
Unbemerkt von Ben drehe ich das Foto mit dem Portrait seiner Mutter zur Wand, und versuche, nicht an meine eigene Mutter zu denken.
Klappt natürlich prima.
(bitte denken sie jetzt NICHT an ihre Mutter!)
Kann meine Mutter auch so die Augenbrauen hochziehen? Meine Mutter mit hochgezogenen Augenbrauen? Sie hat doch eigentlich fast gar keine Augenbrauen, oder? Sie wird eher schmallippig in manchen Situationen. Sehr schmallippig. Sie braucht gar keine Augenbrauen.
Ben schlägt mir mit der flachen Hand auf den Hintern, dass es klatscht.„Soll ich Dich jetzt ficken?“, fragt er.
Es ist der Typ, bei dem ich neulich mittags aufgewacht bin, ohne mich zu erinnern, wie ich in seinem Bett gelandet bin. Nach einer Woche meldete ich mich wieder bei ihm. „Klar können wir uns sehen. Aber verlieb Dich bloss nicht in mich.“, sagte er am Telefon.
Hier bin ich wieder, auf allen Vieren.
Diesmal bin ich ziemlich nüchtern. Diesmal werde ich mich erinnern können. Diesmal wünschte ich, ich könnte aufhören zu denken.
Nicht an meine Mutter denken.
Nicht verlieben. Nicht verlieben.
Natürlich nicht, denke ich, und mein Herz klopft.
„Ja, fick mich.“, antworte ich schnell.

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Mittwoch, 9. Mai 2007
Filmriss
Als ich am Sonntag mit wundgeknutschten Mund und schmerzendem Arsch in einem fremden Bett aufwache, erinnere ich mich nicht mehr daran, was in der Nacht passiert ist. Einen solchen Filmriss hatte ich zum letzten Mal vor zehn Jahren, ebenfalls in Frankfurt. Neben mir liegt ein nackter Kerl mit rasiertem Schädel, breitem Kreuz und caramelfarbener Hautfarbe. Der Typ liegt mit von mir abgewandtem Gesicht breitbeinig auf dem Bauch, zwischen den Pobacken ruht sein mächtiger, rasierter Hodensack. Ich beuge mich über ihn und schaue in das schlafende Gesicht. Es ist ein Bekannter meines Kumpels, mit dem ich gestern unterwegs war. Ich erinnere mich, dass wir ihm im Laufe des abends irgendwo begegnet sind, habe aber vergessen, wie er heisst. Auf dem Boden meine Hose und meine verdreckten Sneakers, ich suche nach Telefon und benutzten Gummis, finde aber nur eine CD-Hülle mit Koksresten und einer Kreditkarte, auf der sein Name steht. Ich gehe ins Bad, dusche und putze die Zähne mit den Fingern. Mein Arsch tut weh. Wir habe gefickt, soviel steht fest. Waren wir safe? Ich frage mich wirklich, wie ich den Kerl klargemacht habe. Ein richtig attraktiver Mann. Als ich wieder ins Zimmer komme ist er wach. Mir ist es peinlich ihn zu fragen was wir eigentlich so veranstaltet haben in der Nacht. Mir ist es auch peinlich, vor ihm nackt zu sein. Ich setze mich zu ihm aufs Bett. Wir reden kaum, knutschen noch ein bisschen rum. Dann haben wir nochmal Sex. Diesmal mit Gummi. Ich bin passiv. Ich war seit drei Jahren nicht passiv. Vielleicht ist es das, was mir fehlt. Mitten beim Sex unterbreche ich, renne ins Bad, ziehe mich an und gehe. Ich ertrage das Gefühl nicht. Ich ertrage die körperliche Nähe nicht. Ich ertrage es nicht, mit einem Typen zu ficken, der mir wirklich gefällt, und mich gehen zu lassen. Ich ertrage es nicht, passiv zu sein. Nicht dass ich Schmerzen hätte. Ich kann mich nicht so gehen lassen. Flüchte zu meinem Freund, den ich eigentlich besucht habe, auf die Couch. Er wohnt in der gleichen Strasse. Meine polnische Halbschwester nenne ich ihn. Wir haben uns vor längerem in Brasilien kennen gelernt und drei Wochen lang Salvador de Bahia auf den Kopf gestellt. Damals war das mit dem Sex irgendwie noch unproblematischer, erinnere ich mich. Er grinst nur als ich ihm von meinem Filmriss erzähle. Wir trinken zum Frühstück eine Halbliterflasche Raki. Er gibt mir die Telefonnummer von seinem Bekannten mit dem ich die Nacht verbracht habe. Bis heute habe ich mich nicht getraut, ihn anzurufen.

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Donnerstag, 19. April 2007
Zuckerwatte
Lässige Jungs lassen nackte Füße von der Mauer über das schwarzgrüne Kanalwasser baumeln, große Zehen wippen im Takt von Kopfhörermusik. Coole Mädchen haben Second Hand Tops mit grafischem Achtziger Jahre Muster nach oben gerafft, strecken weiche weiße Mädchenbäuche den Sonnenstrahlen entgegen, pusten minütlich in absichtlich schief gefranste Ponyfrisuren und blättern in „To Kill A Mockingbird“ . Liebespaare liegen demonstrativ unaufgeregt nebeneinander auf der Wiese, lesen Zeitung und essen Erdbeeren. Kindergeschrei, Vogelgezwitscher, Blütenduft, Wasserplätschern, Taubengurren. Plötzlich ist Sommer, ganz ohne Vorwarnung, und es wimmelt überall nur so von unglaublich entspannten, attraktiven, coolen, selbstbewussten Menschen. Alle haben gute Laune. Wer an einem solchen Tag unglücklich ist, der tickt doch wohl nicht ganz richtig.

Ich hab ja auch versucht gute Laune zu haben. Habe gleich nach dem Aufstehen die Fenster aufgerissen und an den Zweigen des blühenden Apfelbaums gerochen und beim Duschen laut India Arie gehört und sogar mitgesungen und ein buntes Hemdchen und Flip Flops angezogen und über den Markt geschlendert und eingekauft und mit meinem Mitbewohner gefrühstückt, frische Croissants und Ananas. Ein Buch und die Zeitung eingepackt und eine Decke und Sonnencreme und rübergeschlendert auf die Wiese am Ufer, wo sie schon in der Sonne liegen, die lässigen Kreuzberger Jungs und Mädchen. Lege mich dazwischen. T-Shirt aus, Schuhe aus. Beine baumeln lassen. Schwäne zählen. Leute beobachten. Die Sonne genießen. Entspannen möchte ich gerne.

Ich kann aber nicht entspannen. Ich bin wütend. Je länger ich hier liege, desto wütender werde ich. Sitze in der Sonne auf der Wiese und betrachte die coolen Menschen um mich herum explodiere bald fast vor Wut. Ich kann nicht sagen, warum das so ist. Warum macht es mich wütend und unglücklich, wenn ich von so vielen gut gelaunten Menschen umgeben bin? Ich gehöre nicht dazu, denke ich, ich bin außen vor. Ich bin nicht so cool und entspannt und selbstbewusst wie die. Im Gegensatz zu denen denke ich ununterbrochen darüber nach, wie ich bin. Die denken überhaupt nicht darüber nach, wie sie sind. Zumindest lassen die es sich nicht anmerken. Deswegen sind die auch alle so entspannt.

Du kreist ständig um dich selbst, pflegte meine Mutter mir zu sagen, als ich in die Pubertät kam. Stimmt Mutter, du hattest recht, und das ist auch noch immer so, wird sogar von Jahr zu Jahr stärker. Ich bin wie eine fleischgewordene Zentrifuge für klebrige, rosafarbene Zuckerwatte, die am Ufer des Landwehrkanals sitzt und in größtmöglicher Drehzahl um sich selbst kreist. Zuckerwatte produziert sie dabei aber nicht. Jemand hat vergessen, den Rohzucker nachzukippen. Außer einem leisen Surren, viel heißer Luft und den Kopfschmerzen durch die nicht verheilen wollende Stirnhöhlenentzündung tut sich hier gar nichts. Vergeblich versuche ich, das aufzuschreiben, was abgeht. Die Zentrifuge ist verklebt und verkrustet. Keine Zuckerwatte, keine fertigen Gedanken, keine Sätze.

Ach so, die Libido habe ich wieder gefunden. Nicht unbedingt eine gute Nachricht. Die lässt mich gestern geschlagene 12 Stunden am Computer sitzen und durch gayromeo surfen auf der Suche nach – ja was? Getrieben von Sehnsucht nach Zweisamkeit wahrscheinlich. Ich finde es so natürlich nicht. Und suche deswegen nur noch hektischer. Alte Verhaltensmuster, alles schon mal gehabt, das Leben verläuft in sich verengenden Zyklen, jedes Mal ein bisschen schneller, Barcelona, Berlin, eine Zentrifuge, alles gleich, rosafarbene Zuckerwatte, klebrig, man muss irgendwie den Absprung schaffen. Dabei ließ es sich neulich doch noch alles ganz optimistisch an. Dachte ich.

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Sonntag, 4. März 2007
Berliner Sonntag
Ich sitze in der Küche und knabbere am Wok-Gemüse, das ich gerade gekocht habe. Die Einkäufe vom Kreuzberger Wochenmarkt mussten weg. Also Huhn mit Zuckerschoten, Bambussprossen und Kokosmilch gebraten. Ich habe gar keinen Hunger. Würde lieber schlafen gehen. Aber mein Bett ist besetzt. Dort liegen zwei Jungs, die ich eigentlich nicht kenne. Ich habe sie heute Nachmittag im Berghain getroffen und zu mir mitgenommen. Jetzt schlafen sie. In meinem Bett. Und ich sitze in der Küche und knabbere Gemüse. Sowohl das Gemüse als auch die Typen waren noch von Samstag übrig geblieben. Im direkten Vergleich hat sich das Gemüse deutlich besser gehalten.

Eigentlich hatte ich mir das alles ja ganz anders vorgestellt. Eigentlich. So insgesamt. Und auch im Detail. Ganz anders. Eigentlich wollte ich die neue Stadt und die Berliner nicht wieder übers Nachtleben kennen lernen. Und eigentlich hatte ich vor allem die Nase voll von der Schwulen Szene. Ich wollte mich auf die neuen Themen konzentrieren. Schreiben und so. Donnerstags gehe ich zu meiner Schreibgruppe in Prenzlauer Berg, und letzten Samstag habe ich an einem Seminar teilgenommen. Den ganzen Tag an einer Geschichte arbeiten, immer wieder die Zwischenergebnisse vorlesen, überarbeiten, weiterschreiben. Ich bin vorangekommen mit dem Text. Das war gut. Die darauf folgende Nacht im Berghain und KitKatClub war auch gut. Sehr gut. Geht beides? Oder muss man sich entscheiden?

Schnell hat die Berliner Nacht mich angefixt. War ja auch nicht wirklich schwierig. Nach neun Monaten ohne Sex und ohne Nachtleben war ich ziemlich ausgehungert. Entsprechend animiert war die vergangene Woche. Ich war jeden Abend weg. Ob der junge Russe, der mir am Donnerstag im Keller einer Friedrichshainer Bar seinen nackten, weißen Arsch entgegenstreckte, wusste, dass dieser Fick für mich das erste Mal nach einer langen Pause war? Das erste Mal seit Robert? Sicherlich nicht. Ich habs ja auch kaum gemerkt. Die schwule Routine hat man sehr schnell wieder drauf. Die guten Vorsätze werden auf den Toilettenspülkästen der Berliner Clubs ausgeleert, mit Kreditkarten zu feinem Staub zerhackt und verschwinden spurlos in den Nasenlöchern. Und dann küsst man sich mit Zunge, ohne sich zu erinnern, wie der andere überhaupt heißt. So ist das hier. So wie überall.

Immerhin habe ich Aussicht auf einen Job, bei dem ich mit dem "Schreiben" etwas Geld verdienen könnte. Ich würde für einen deutschen Verlag, der amerikanische Schwulenpornofilme in Deutschland veröffentlicht, die Klappentexte für die DVD-Hüllen schreiben. Rezensionen von schwulen Pornofilmen. Nicht gerade das Traumthema was den literarischen Anspruch angeht. Aber darf man so wählerisch sein? Und ich glaube, man könnte das auch als Herausforderung sehen. Wie viele Synonyme fallen ihnen den zum Beispiel für das Wort "großer Penis" ein? Und für den Begriff "ejakulieren"? Sehen Sie? Ist gar nicht so einfach. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich diese Möglichkeit weiter verfolge.

Den gestrigen Samstag Abend habe ich zuhause verbracht. Ich bin schlafen gegangen, obwohl ich auf der Gästeliste einer guten Party stand. Um zehn Uhr morgens wachte ich auf von der SMS eines neuen Bekannten. Ich bin im Berghain, schrieb er, wo bleibst du denn? Um zwölf Uhr mittags, nach einem kurzen Frühstück, stand ich schon auf der Tanzfläche. Und als ich den Laden wieder verließ, mit den beiden Jungs im Schlepptau, war es draußen wieder dunkel geworden.

Jetzt würde ich mich gerne ins Bett legen. Aber die beiden Typen schlafen tief und fest. Vielleicht lege ich mich einfach dazu. Oder ich wecke sie, reanimiere sie mit Wok-Gemüse, und versuche sie dann zu überreden, mit mir noch ein bisschen auszugehen. Heute Abend gibt’s eine Party im Cafe Moskau. Und an fünfzig anderen Plätzen in der Stadt. Ich glaube fast, ich hätte Lust, noch ein bisschen zu tanzen.

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Mittwoch, 21. Februar 2007
Jesus liest Bukowski
Der Typ sieht aus wie Jesus. Der Gedanke kommt mir sofort, als ich mich in die S-Bahn setze und einen Blick auf mein Gegenüber werfe. Zwar hat sein Outfit gar nichts Heiliges an sich. Er trägt verdreckte Bauarbeiterklamotten, mit Farbkleksen übersäte, zerschlissene Cordhosen mit doppeltem Reißverschluss im Schritt, staubige Lederstiefel mit aufgeplatzten Nähten und nachlässig gebundenen Schnürsenkeln, dazu eine dicke Steppjacke. Spärlich umflaumt ein rotblonder Bart das katzenartig dreieckige Gesicht. Eine schwarze Strickmütze, in die ein knallrotes Flammenmuster eingearbeitet ist, sitzt auf seinen mattblonden, filzigen Haarsträhnen wie eine brennende Dornenkrone.

Der Mann hat eine Ausstrahlung wie die Statue eines Apostel in einer französischen Kathedrale, wie eine dieser goldbeschlagenen Ikonen in einer russisch orthodoxen Kirche, so friedvoll und vollkommen in sich ruhend sitzt er in der Bahn und liest, ohne das Geschehen um sich herum im mindesten zu beachten. Seine Hände liegen locker wie zum Gebet gefaltet in seinem Schoss und halten das Buch – nein, nicht die Bibel! Es ist eine zerfleddertes Taschenbuchausgabe von Charles Bukowskis „Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend“. Er bemerkt nicht, das ich ihn anschaue. Und ich kann den Blick nicht mehr abwenden.

Das Gesicht des Typen ist gleichzeitig entspannt und konzentriert. Seine Augenlider sind so weit geschlossen, dass es fast so aussieht, als schlafe er. Nur wenn ich ganz genau hinsehe kann ich erkennen, wie sich unter den blonden Wimpern seine Iris ganz sacht hin und her bewegt und den Zeilen des Buches folgt. Alle paar Minuten erwacht mein Gegenüber aus seiner statuesken Haltung und blättert eine Seite des Buches um. Nicht ein einziges Mal hebt er dabei den Blick. Seine Augenbrauen sind blond und fast unsichtbar, und verleihen der Blässe seiner Haut eine konturlose Weichheit, die im Kontrast zum wuchernden Rotblond der Barthaare steht. Jetzt erkenne ich eine Tätowierung an seinem Hals, es könnte ein Bonbon sein oder ein Fisch, der mit der Flosse nach vorne an seiner Seite in verschiedenen bunten Farben leuchtet. Ich beuge mich vorsichtig nach vorne, um das hintere Ende des Tattoos unter dem Kragen seiner Jacke zu erkennen. Kein Bonbon, ein kugelrunder Fisch ist es, wahrscheinlich ein Piranha, mit dem aufgerissenen, gezähnten Maul Verfolger abschreckend. Auch an der linken Hand ist er tätowiert, ein kleiner, fünfzackiger Stern schimmert dunkelblau auf der Hautfalte zwischen Daumen und Zeigefinger.

Der Reißverschluss der Steppjacke steht gerade weit genug offen, dass ich erkennen kann, wie mein Gegenüber von Zeit zu Zeit schluckt, und sich sein Adamsapfel dabei ganz leicht nach oben und gleich darauf wieder nach unten bewegt. Gibt es eine intimere Situation, als aus einem Meter Entfernung einen Jungen zu beobachten, der Bukowski liest und dabei die Welt vergisst? Ich brenne darauf, zu erfahren, an welchen Textstellen der Junge schluckt. Welche Szenen spielen sich gerade in seinen Gedanken ab? Ich muss mir unbedingt das Buch besorgen! Gleichzeitig erinnere ich mich an den Film „Interview mit einem Vampir“ mit Brad Pitt, Tom Cruise und Antonio Banderas, an diese Großaufnahmen vom Hals des gepuderten Knaben, der lüstern seinen Kopf zurück lehnt, ohne zu ahnen, dass er gleich von den hungrigen Vampiren ermordet wird. Weißes, sehniges, bewegtes Fleisch, unter dem das warme Blut der Hauptschlagader pulsiert, das Pochen der blassen Haut. Lebendigkeit in Großaufnahme. Ich kann die Wärme seiner Haut sehen. Ich stelle mir vor, wie weich er sich anfühlt. Wie ich mir wünsche, seine Stimme zu hören, oder meine Nase an seine Schulterbeuge zu drücken, um tief einzuatmen. Dann muss ich aussteigen.

In der S-Bahn stehle ich fremden Menschen Augenblicke einer Intimität, die mir momentan vollkommen fern ist. Die Begegnung mit diesem Typen war der Höhepunkt meines heutigen Tages in Berlin. Es besteht in meinen Gedanken nicht die Möglichkeit, ein Gespräch mit diesem oder einem anderen Typen zu beginnen. Genau so wenig würde ich im Louvre mit einer Statue von Rodin Smalltalk betreiben. Ein Kontaktversuch würde die Situation entzaubern und der Phantasie die Flügel abbrechen. Ich bin es leid, zu suchen. Gerade habe ich das Buch von Bukowski bestellt, werde morgen oder übermorgen in einem Cafe sitzen, und hoffe, dass es mir gelingen wird, beim Lesen die Welt um mich herum zu vergessen, so wie der tätowierte Jesus im Zug.

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Freitag, 16. Februar 2007
Von Glückskeksen und Straßenfegern
Nach einem Tag bei minus zwanzig Grad im kanadischen Schneesturm fühlt sich das Berliner Wetter beinahe mediterran an.

Diesmal fährt mir der Bus am Flughafen Tegel nicht vor der Nase weg, der Fahrer wartet, bis ich mit meinem Koffer eingestiegen bin, sagt sogar freundlich "juten tach". Ich habe dafür auch ans passende Kleingeld gedacht, zwei Euro zehn, bitte sehr, ich kenne mich aus. Leben und leben lassen.

Auch das Umsteigen gelingt, ohne dass ich auf den Plan schauen muss, um mich zu vergewissern, in welche Richtung ich fahren muss. Schon entwickeln sich die kleinen Routinen des Alltags und ich fühle mich nicht mehr ganz verloren in der neuen Stadt.

Am Eingang des S-Bahnhofs steht eine junge Chinesin und bewacht mehrere große Pappkartons. "Fortune Cookies" steht darauf.
Ich stelle mich zu ihr und rauche eine Zigarette, eine Fortuna, haha!
Sie lächelt mich an.
"Bist du Urlaub?", fragt sie mich und deutet auf meinen Koffer.
"Nein, ich wohne hier. Komme von der Arbeit."
"Ich auch Arbeit." Lachend zeigt sie auf die Kisten. "Viele Arbeit."
"Glückskekse? So viel Glück! Pass gut drauf auf."
"Is kein Glück. Is nur Arbeit. Viele Arbeit."
Ich zeige ihr die Zigarettenpackung. "Tauschen wir? Glückszigarette gegen Glückskeks?"
Sie lacht.
Ein Mann kommt die Treppe herauf, brüllt dem Mädchen auf chinesisch etwas zu, schnappt sich zwei Kisten und verschwindet wieder im Bahnhof.
Meine Fortuna ist aufgeraucht.
"Viel Glück", sage ich im Gehen.
"Viele Glück", sagt das Mädchen und winkt.

Mit mir betreten zwei Osteuropäer die S-Bahn, ein alter Mann und ein kleiner Junge mit roter Wollmütze. Der Mann spielt ein Zigeunerlied auf dem Akkordeon und singt dazu, der Junge hat große dunkle Augen und eine verrotzte Nase. Er hält den Fahrgästen wortlos einen McDonalds-Becher hin. Die meisten Fahrgäste hören Walkman und starren auf den Boden. Ich gebe fünfzig Cent. Früher habe ich auch Straßenmusik gemacht. Wenn jemand Musik macht, gebe ich meistens etwas.

An der nächsten Station steigt eine kleinwüchsige Frau ein, die Kopftuch und Sandalen ohne Socken trägt und einen Leberfleck auf der Wange hat, auf dem schwarze Haare wuchern. Sie hält den Fahrgästen wortlos die hohle Hand hin. Wieder starren alle auf den Boden. Ich schaue auf den Leberfleck, schüttele den Kopf und schäme mich ein bisschen. Vielleicht sollte ich auch besser auf den Boden starren. Es fällt mir schwer, einem Menschen in die Augen zu sehen und meine Hilfe zu verweigern.

Am Alexanderplatz betreten gleichzeitig drei Bettler die Bahn. Von beiden Enden des Waggons nähern sich Männer auf Krücken, während sich in meiner Nähe an der mittleren Tür eine verwahrloste Frau mit gerötetem Gesicht aufbaut. Sie kündigt mit klarer und fester Stimme an, dass sie nun ein selbst verfasstes Gedicht rezitieren werde. Demonstrativ kopfschüttelnd schaut sie auf die beiden verkrüppelten Männer, die sich mit ihren Krücken von einer Haltestange zur nächsten aufeinander zuhangeln und wortlos die Hände aufhalten. „Die Hoffnung“, beginnt die Obdachlose ihr Gedicht.

Auf meiner Höhe treffen sich die beiden Bettler. Der ältere hat ein amputiertes Bein, der jüngere zwei schwer missgebildete Klumpfüße. Umständlich versuchen die Männer, in dem engen Gang aneinander vorbeizukommen. Sie kehren einander den Rücken zu, versuchen sich gegenseitig zu ignorieren und Haltung zu bewahren, aber die Krücken der beiden verheddern sich, sie hängen an derselben Haltestange und versuchen mühsam, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ich hebe meinen Koffer aus dem Gang, eine hohle Hand reckt sich mir entgegen, während eine andere sich auf meinem Knie abstützt. Peinlich berührt drehen sich die Fahrgäste weg, starren so angestrengt auf den Boden, dass sie beinahe autistisch wirken.

Die rotgesichtige Frau schleudert unbekümmert ihre Verse über die bizarre Szene. „Die Hoffnung stirbt zuletzt, mein Freund!“. In einem Theaterstück von Brecht würde der Auftritt der dichtenden Obdachlosen in dieser Szene als Verfremdungs-Effekt interpretiert werden, denke ich.

Man könne ihre Gedichte auch in geschriebener Form kaufen, sagt sie, als Erinnerung an den heutigen Tag, aber eine kleine Spende oder ein Lächeln sei auch willkommen. Das Lächeln misslingt mir. Stattdessen gebe ich fünfzig Cent. Als der Zug die nächste Station erreicht und die drei Gestalten den Waggon verlassen, stelle ich ein allgemeines Aufatmen unter den übrigen Fahrgästen fest. Augenpaare heben sich vom Boden, genervte Blicke werden ausgetauscht, wortlos natürlich.

Am selben Bahnhof betritt ein Verkäufer des „Straßenfeger“, der Berliner Obdachlosenzeitung, die Bahn. Er sieht aus wie ein dicklicher Ozzy Osbourne, der nach einer Orgie im Studio54 vor zwei Jahrzehnten versehentlich die Kleidung von Elton John an- und seitdem nicht mehr ausgezogen hat. Seine Garderobe besteht aus einem verdreckten, violetten Sakko, das mit russischen Abzeichen und Emily-the-Strange-Buttons behängt ist, einer fadenscheinigen, lilafarbenen Samthose sowie ruinierten schwarzen Lackschuhen. Das unrasierte Gesicht verschwindet fast vollständig unter einer Baseballkappe und hinter einer ebenfalls lilafarbenen, verspiegelten Sonnenbrille.

Wie ein Supermodel auf der Alexander-McQueen-Show der Londoner Fashion Week durchschreitet er zunächst im Stechschritt den Waggon in seiner vollen Länge, macht am Ende eine kokette Drehung, geht zurück in die Mitte des Wagens, und deutet eine Verbeugung an. Kein einziger Fahrgast starrt mehr auf den Boden, der Mann hat die volle Aufmerksamkeit im Waggon. Damenhaft ein Bein vor das andere gestreckt, stellt er mit näselnder Stimme und gelangweilter Attitude die Obdachlosenzeitung vor: „Leitartikel in dieser Ausgabe zum Thema Weltklimawandel, außerdem Beiträge über Rente, Hartz IV und Web 3.0, Kostenpunkt ein Euro zwanzich, meine Damen und Herren, greifen sie zu.“ Ich bin beeindruckt. Noch nie habe ich so einen stylischen und zickigen Obdachlosen gesehen. Ein richtig heißer Straßen-Feger! Ich kaufe ein Exemplar der Zeitung. Zwei Euro, stimmt so.

„Außer dem jungen Mann hier scheint ja niemand sonst Interesse am Straßenfeger zu haben“, ruft der Penner in die Runde, „ aber vielleicht haben sie ja Interesse an mir? Ich bin beinahe sechzig Jahre alt und immer noch Single. Wenn sie mich heiraten wollen, können sie mich gleich mit zu sich nach Hause nehmen.“ Er schaut mit seiner lilafarbenen, verspiegelten Sonnenbrille in meine Richtung, grinst und leckt sich dabei mit der Zunge über die Lippen. Eine Wolke seines Körpergeruchs strömt in meine Richtung. „Na, wie wärs, Kleener?“

Jetzt starre ich auf den Boden und spüre, wie ich rot werde. Als die Bahn endlich die nächste Station erreicht und der schwule Penner aussteigt, herrscht unter den übrigen Fahrgästen allgemeine Fröhlichkeit, es wird geschnattert und gelacht. Ich denke darüber nach, ob ich mir auch mal eine aggressivere Methode des Selbst-Marketing aneignen sollte. Ich könnte mich in die S-Bahn stellen und einleitend ein wenig Geige spielen, ein kurzes Liedchen, die "Meditation" von Massenet vielleicht, die kann ich noch. Anschließend müsste ich eine kleine Rede halten. Ich bin 28 und Single und sie können mich gleich mit nach Hause nehmen, wenn sie mich haben wollen, so nach dem Motto. Bis zu meiner Haltestelle tue ich so, als lese ich im Straßenfeger und denke über die Idee nach. Dann steige ich aus und zerre ungeschickt meinen Koffer hinter mir her.

Auch wenn ich mich in Berlin bereits ganz gut zurechtfinde, die Begegnungen mit den Berlinern machen mich regelmäßig sprachlos.

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