Samstag, 28. Januar 2012
Tage wie dieser (29)
Ich wache auf mit mieser Laune. Während ich den ersten Kaffee trinke, machen die Esel mir eine lautstarke Szene, weil ich mich verspätet habe. Als ich die Treppe zu ihrem Gehege hinab steige, fordern sie vehement ihre Karotten, indem sie mir ihre Mäuler in die Weichteile rammen. Nachdem sie auch noch zwei Rippen Heu bekommen haben, bringe ich sie zur Weide. Der Weg zieht sich sehr in die Länge, weil die Esel unterwegs jeden noch so kleinen Grashalm abreißen; so versuchen sie zu simulieren, kurz vor dem Hungertod zu stehen, und bauen damit einen perfiden Psychodruck auf, infolge dessen ich bereits zwei Mal die Heu- und Karottenration erhöht habe.

Im Haus erwarten Sylvester und die drei Schildplattprinzessinnen ihr Petit Dejeuner. Ich serviere eine Dose Thunfischragout auf vier Tellerchen. Sie schnüffeln daran und blicken mich dann entsetzt an: Wie jetzt, Katzenfutter? Eine Weile sitzen sie konsterniert neben den Tellern und scheinen dann so peinlich berührt von meiner Inkompetenz und Stillosigkeit, dass sie demonstrativ damit beginnen, sich zu putzen. Das Futter lassen sie unberührt. Ich habe schon seit einigen Tagen den Verdacht, dass sie nachts meine Bücher lesen. Vor allem Sylvester legt neuerdings eine übertrieben aristokratische Attitüde an den Tag. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis er sich Graf nennt und Champagner und Austern ordert.

Die 15 Non-Schengen-Katzen, die auf den Dächern des Dorfes leben und kein Visum für das Haus haben, sind nicht so anspruchsvoll. Sie bekommen Essensreste, die ich mit Katzenfutter, Trockenfutter und Fischsuppe vermische. Sobald ich mit der Schüssel auf die Terrasse trete, springen sie mich an. Ich verteile das Futter auf drei Haufen und achte darauf, dass auch Schizo ihren Anteil bekommt. Schizo ist eine etwas minderbemittelte, grau verfilzte Perserkatze, die aussieht, als habe sie vor langer Zeit eine Karriere in ‚Friedhof der Kuscheltiere’ gehabt. Sie hat keine Stimme und zudem vergessen, wie ihr Mund zu geht; nachts sitzt sie vor den Fenstern und starrt mich aus der Dunkelheit mit weit aufgerissenen, grün leuchtenden Augen an. Bis Schizo bemerkte, dass es Futter gibt, hätten die anderen Katzen alles aufgefressen. Deshalb reserviere ich einen Rest für sie und halte einen Löffel mit Futter direkt vor ihr Gesicht. Es dauert eine Weile, dann sieht sie die Beute, erlegt sie mit zackigem Tatzenschlag und verschlingt sie sofort. Beim zweiten Versuch verwechselt Schizo meine Hand mit dem Löffel, was blutige Kratzer auf meinem Handrücken zur Folge hat. Der Löffel fällt mir aus der Hand und wird von einer anderen Katze aufs Dach des Nachbarhauses geschleppt. Wenn Schizo noch dümmer dreinschauen könnte, als sie es ohnehin schon tut, wäre jetzt der Moment.

Und ich habe die Nase gestrichen voll. Sämtliche Tiere nutzen meine labile Phase schamlos aus. Aber so nicht, Freundchen! Wutentbrannt steige ich ins Auto und fahre ins Dorf. Auf dem Weg überlege mir drastische Sanktionen. Ab sofort nur noch Wasser und Heu für die Esel! Und keine Schinkenränder mehr für die Katzen! Auch keine Saucisson! Ich lasse mich doch nicht verarschen!

Auf dem Sportplatz am Ortseingang spielen alte Männer Petanque. Der Gemüsehändler steht vor seinem Laden und winkt mir freundlich hinterher. Vor der Boulangerie blockiert ein verrosteter 2CV mit eingeschaltetem Warnblinklicht die Straße. Nach Ewigkeiten kommt der rotgesichtige, lächelnde Fahrer aus dem Laden, er trägt eine Schiebermütze und zwei Baguettes unterm Arm, grüßt mich und fährt weg. Totales Frankreich-Klischee hier. Zum Kotzen idyllisch das alles. Komme mir langsam schon vor wie in einem Werbespot. Würde mich nicht wundern, wenn ein riesiger Weichkäse am Horizont erschiene, aus dem Off ‚C’est bon, c’est bon, Géramont, Géramont’ ertönte und gleichzeitig der Frische Franzose um die Ecke radelte. Ich wünschte, ein bierbäuchiger Deutscher würde in einem 5er BMW hupend durchs Dorf rasen und das alles mal ein bisschen zurecht rücken.

Mir reicht’s. Ich fahre los, ohne Ziel, stinkwütend. Hauptstraßen, Nebenstraßen, Serpentinenstraßen. Irgendwann bin ich im Gebirge. Es liegt Schnee. Ich parke das Auto und stapfe wild entschlossen einen schneebedeckten Feldweg hoch, auf einen Gipfel zu. Schon nach wenigen Metern sind meine Chucks durchnässt. Der eisige Wind sticht in meinen Ohren. Eine gute Stunde später stehe ich auf dem Rocher d'Abraham. 1498 Meter, knöcheltiefer Schnee, eiskalter Wind, Blick bis nach Beirut. Ich bin erschöpft und friere, aber schlechte Laune habe ich immer noch. Vielleicht sollte ich alles abbrechen. Warum sich weiter aufreiben? Es wird doch nichts!

Da klingelt mein Telefon. Es ist meine beste Freundin. Sie ist Opernsängerin. Es geht ihr nicht gut. Sie heult ein bisschen. Ich heule auch ein bisschen. Wir klagen uns gegenseitig unser Leid. Es dauert knappe zwei Minuten, bis wir beide laut lachen. Wir verabreden, heute nach ihrer Vorstellung zu telefonieren und dabei Rotwein zu trinken. Auf dem Weg zum Auto hüpfe ich durch den Schnee. Im Supermarkt kaufe ich Äpfel für die Esel und Pastete für die Katzen, ich habe ein schlechtes Gewissen. Die Esel akzeptieren die Äpfel, vergessen aber nicht ihr Gewohnheitsrecht auf die Karotten. Die Katzen fressen die Pastete nur zur Hälfte, damit ich nicht denke, sie seien käuflich. Während ich dies schreibe, sitzt eine der Schildplattprinzessinnen schnurrend in meinem Schoß. Sie tut so, als sei nichts gewesen. Aber war irgendwas?

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Freitag, 27. Januar 2012
Fiktion und Wirklichkeit (27)
Nein, die Esel haben mich nicht totgetrampelt. Aber ich bin erschöpft, weil ich mich tagelang über russische Aristokraten aufgeregt habe, die vor zweihundert Jahren erfunden wurden. Ich wünsche mir, meine Erlebnisse genau so differenziert betrachten zu können, wie Tolstoj das als Erzähler macht und die Menschen im wirklichen Leben und mich selbst ansatzweise so gut zu kennen wie nach 1200 Seiten die Romanfiguren von Anna Karenina; ich stelle mir vor, wie es wäre, einen kleinen Tolstoj auf der Schulter sitzen zu haben, mit dem ich durch Berlin laufe, der mir in Echtzeit seine Beobachtungen ins Ohr flüstert und mir die Menschen, denen wir begegnen, erklärt. Eigentlich müsste dieser kleine Tolstoj sich nur schnell an den Zeitgeist gewöhnen. Aber die zwischenmenschlichen Beziehungen wären doch identisch, oder? Würde der kleine Tolstoj die Gedanken- und Gefühlswelt heutiger Personen genau so tief und facettenreich zeichnen wie die der Romanfiguren vor 200 Jahren? Oder wären seine Figuren heute pragmatischer, zynischer, emotionsloser und flacher? Ach, ich hatte schon immer ein Problem damit, Fiktion und Wirklichkeit auseinander zu halten. Also lassen wir das – Anna Karenina ist tot, Lewin unter der Haube, ich habe das Buch endlich fertig gelesen und werde nicht mehr davon anfangen. Versprochen.

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Dienstag, 24. Januar 2012
Noch einmal Lewin (25)
Noch einmal Anna Karenina. Es gibt eine Szene, in der Lewin durch die erwachende Stadt geht und darauf wartet, dass es endlich spät genug ist, um im Haus der Schtscherbatzkijs vorstellig zu werden und bei ihren Eltern um Kittys Hand anzuhalten:

"Diese ganze Nacht und den Morgen hatte Lewin völlig unbewußt gelebt, und er fühlte sich von allen Bedingungen des materiellen Lebens völlig losgelöst. Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen, zwei Nächte nicht geschlafen, einige Stunden unbekleidet in der Kälte zugebracht, und doch fühlte er sich nicht nur so frisch und gesund wie nie zuvor, sondern auch ganz unabhängig von seinem Körper: er bewegte sich, ohne seine Muskeln anzustrengen, und fühlte sich zu allem fähig. Er war überzeugt, daß er in die Luft fliegen oder die Ecke eines Hauses verschieben könne, wenn es nötig sein sollte. Die ganze übrige Zeit wanderte er durch die Straßen, schaute immer wieder auf die Uhr und sah sich nach allen Seiten um. Und was er damals sah, bekam er später nie wieder zu sehen. Die Kinder, die in die Schule gingen, die blaugrauen Tauben, die von einem Dach auf das Trottoir flogen, und die mehlbestäubten Semmeln, die eine unsichtbare Hand in ein Schaufenster legte, das alles machte einen besonderen Eindruck auf ihn. Die Semmeln, die Tauben und zwei kleine Schuljungen kamen ihm wie überirdische Dinge vor. Einer der beiden Jungen lief auf eine Taube zu und sah Lewin lächelnd an; die Taube schlug mit den Flügeln, flog davon, und ihr Gefieder leuchtete in der Sonne zwischen dem in der Luft zitternden Schneestaub; aus einem Fenster duftete es nach frischem Brot, und dort wurden die Semmeln ausgelegt. Das alles geschah zur gleichen Zeit und war so ungewöhnlich schön, daß Lewin vor Freude lachte und weinte.“ (Anna Karenina, Vierter Teil, Kapitel 15)

Beim Lesen der Szene brechen Erinnerungen hervor, die längst unter den Schichten der jüngeren Vergangenheit verschüttet schienen. Erinnerungen an den Spätsommer 2007, an das Gefühl der Verliebtheit, das Lewin in dieser Szene erleben darf und das Tolstoj so wunderbar beschreibt. Ganz dunkel habe ich wieder eine Ahnung, wie es sich damals anfühlte; wie Entscheidungen plötzlich einfach wurden und wie alltägliche Dinge wunderschön und einzigartig erschienen. Der Geruch von Sonnencreme. Der Geschmack von Erdbeeren. Das Tuckern eines alten Bootmotors. Unterwasserküsse. Es sind wenige Bilder. Meine Erinnerungen sind verblasst und ich habe in dieser Zeit kaum Tagebuch geschrieben - wenn man verliebt ist, hat man besseres zu tun, als den Zustand zu dokumentieren. Vielleicht ist es Selbstschutz, dass man sich im Nachhinein kaum noch an Details erinnert. Vielleicht kann man so besser damit leben, wie es weiter ging. Aber wie will man verdammt nochmal eine Liebesgeschichte erzählen, wenn man sich an die eigene Verliebtheit kaum mehr erinnern kann?

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Montag, 23. Januar 2012
Halbzeit (24)
Halbzeit. 23 Tage sind vorbei, 23 Tage liegen vor mir. Zeit für eine Zwischenbilanz?

Besser nicht!

Besser erst mal in Dorf fahren. Der Gemüsehändler begrüßt mich mit Handschlag, die Kiste Karotten für die Esel steht schon bereit, er erklärt mir Anbaugebiet und Geschmacksrichtung jeder Salatsorte, erkundigt sich, ob der Akazienhonig aus dem Nachbardorf geschmeckt hat und schenkt mir zwei Birnen und eine Avocado. Nächsten Montag wieder eine Kiste, wie immer? Parfait. Noch ein Baguette und ein Chausson aux Pommes vom Boulanger nebenan und bei der Post die Briefe abgeben.

Dann im Café du Siècle einen Grand Crème trinken und einen Blick in Le Dauphiné werfen. Francois Hollande eröffnete in Le Bourget den Wahlkampf der Sozialisten. Zum dritten Mal wurde das Radargerät auf der D111 bei Grospierre angezündet und vollständig zerstört. In der Nähe von Bollène fand ein junges Paar einen skelettierten menschlichen Schädel im Straßengraben, der aus gallo-romanischen Gräbern stammt. Madame Ginette Aubert aus Lavilledieu feierte ihren hundertsten Geburtstag. Ich bestelle einen kleinen Kir auf ihr Wohl.

Zuhause Wäsche aufhängen. Über der Wäscheleine thront der Turm auf den Felsen, ganz an der Kante. Gehörte zu einem Schloss, das im Mittelalter erbaut und während der Hugenottenkriege zerstört wurde. Steht auf Lavagestein, schwarze Basaltsäulen, die den Sockel des Hochplateaus bilden wie senkrecht verklebte Lakritzstangen. Die rotkarierte Bettwäsche macht sich gut vor dem schwarzen Stein.

Einen Spaziergang machen, bis zum Gipfel des Coiron. Dort gibt es Kiefern, an denen Raupennester hängen wie Christbaumkugeln aus Zuckerwatte. Buchsbaumhecken, vom Wind nach Westen gekämmt. Eichen, deren trockenes Laub im Wind metallisch raschelt wie Alufolie. Findlinge, auf denen kreisrunde Flechten in leuchtenden Farben wuchern. Eine Platane, der Strunk vom Blitz gespalten. Silberdisteln. Wiesenschaumkraut. Veilchen. Klee. Das Gesicht in den Wind halten und die Gedanken ins Tal werfen, so weit es geht. Dann selbst hinterher stürzen, querfeldein, den Abhang hinab, durch Brombeerhecken und Ginsterbüsche und über Weiden bis zur Straße und wieder zurück ins Dorf, schwitzend, zerkratzt, mit matschigen Schuhen, erschöpft.

Abends ein Feuer im Kamin entfachen und lesen. Die wunderbarste Katze der Welt springt in meinen Schoß und leistet mir Gesellschaft. Ihr Gesicht ist wie von Picasso gemalt, die Nase halb karamellfarben, halb schwarz, aber sie ahnt nichts von ihrer Schönheit und versteckt ihr Gesicht in meiner Armbeuge. Ihre Krallen graben sich vorsichtig in meine Haut. Wann habe ich zum letzten Mal so viel Zärtlichkeit erfahren?

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Samstag, 21. Januar 2012
Wasserfall (22)
Morgens weicht der Tiefschlaf einem halbbewussten Dämmerzustand. Dann sitze ich auf einer Wiese am Berghang und schreibe auf weiße Papierfahnen, die sich bis hinab ins Tal ziehen. Deutlich sehe ich meine Handschrift. Aber ich schreibe nicht bewusst, sondern beobachte von außen, wie meine Hand den Füller führt und blaue Tinte auf das Papier fließt. Ein einziges Wort erscheint in unendlicher Wiederholung. Welches Wort es ist, erkenne ich nicht. Aber ich bin ruhig, denn ich schreibe für mich selbst und ahne, dass die Bedeutung des Geschriebenen sich nicht aus dem Inhalt erschließt. Aus der Ferne erkenne ich ein Muster im Schriftbild. Eine wellenförmige Bewegung ist es, wie fließendes Wasser - ich schreibe einen Wasserfall. Das Glücksgefühl über diese Erkenntnis ist stark, aber es wird überlagert von der Gewissheit, dass alles nur ein Traum ist. Wie kann ich diese Fähigkeit mitnehmen? Ich will die Leichtigkeit festhalten. Als ich aufwache, finde ich im Tagebuch drei Worte, die ich im Halbschlaf notiert habe: Wasserfall unbedingt erinnern.

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Montag, 16. Januar 2012
Der Tramper (17)
Die ersten 30 Kilometer der Fahrt nach Le Puy spielen sich in meiner Abwesenheit ab. Ich bin in Gedanken anderswo und fahre wie ferngesteuert. In einer Serpentinenkurve am Fuß des Gebirges halte ich an, weil ich einen Tramper am Straßenrand gesehen habe; es ist mehr ein Reflex als eine bewusste Entscheidung. Bin ja früher selbst kreuz und quer durch Frankreich getrampt.

Die präzise Erinnerung setzt zu dem Zeitpunkt ein, als die Beifahrertür zufällt und ich sein Gesicht sehe: Zwei riesige, schwarz-grüne Spinnen sind auf seine linke Wange und seine Stirn tätowiert und scheinen sich unter der verspiegelten Sonnenbrille verstecken zu wollen. Auf seiner rechten Wange reckt ein Skorpion seinen Stachel in Richtung des Ohrs. Der gesamte Schädel ist mit runenartigen Schriftzeichen bedeckt, die unter seinem kurzgeschorenen Haar hervorschimmern. Hals und Hände sind ebenfalls tätowiert. Sein Alter ist schwer einzuschätzen. Er trägt Trainingshosen, Kapuzenpulli und Sportschuhe, hat eine raue, fast krächzende Stimme, redet übertrieben laut und mit grobmotorischen Gesten, die Konsumenten von Hip-Hop-Videos wahrscheinlich geläufig sind, und spricht südfranzösischen Dialekt. Die Konsonanten am Silbenanfang artikuliert er mit so aggressivem Nachdruck, als wolle er ein defektes Moped mit einem Kickstarter in Gang treten.

‚Cool, dass sie mich mitnehmen. Die letzten Idioten, die angehalten haben, sind gleich weitergefahren, als sie mich gesehen haben.’
‚Ach so? Warum das denn?’

Während der ersten Kilometer erfahre ich, dass er fast keine Drogen mehr nimmt, weil er Epileptiker ist, dass seine Medikamente ziemlich gut wirken, wenn er nicht so viel trinkt, dass er mit 14 aus dem Kinderheim geflohen und in Squads in Barcelona und in Besserungsprojekten in Simbabwe gelebt hat, dass er jetzt aber allein mit seinen Hühnern in einem Haus in den Cevennen wohnt. Ah, Deutscher? Er war auch mal in Berlin, aber in Deutschland habe er jetzt Einreiseverbot, weil er seinem Vermieter, dem Wichser, einen Aschenbecher ins Gesicht geschlagen und den Kiefer zertrümmert habe. Aber Berlin ist sonst nicht schlecht.

Die Straße ist so kurvig, dass ich kaum dazu komme, einen Blick auf ihn zu werfen. Im dritten Gang keucht das Auto die Passstraße hoch. Das letzte Dorf vor dem Gipfelkamm haben wir passiert, die nächste Ortschaft kommt in etwa 30 Kilometern, wie ich vorher auf der Landkarte gesehen habe. Der Bordcomputer zeigt, dass die Außentemperatur minütlich um ein Grad fällt. Es wird neblig. Warum gibt es hier eigentlich keinen Gegenverkehr?

Als wir ein einsames Motel passieren, das im Nebel auf einem Bergkamm kauert, fragt mich der Tramper, ob ich die Geschichte dieses Gebäudes kenne. Der Wirt der ‚Auberge Rouge’ brachte im 19. Jahrhundert über 50 seiner Gäste um, erzählt er. Nahm ihr Geld und verscharrte die Leichen im Garten hinterm Haus. Ist halt eine einsame Gegend hier, dauerte über 20 Jahre, bis es heraus kam. Er wurde dann mit der Guillotine geköpft, hier direkt an der Straße.

„Décapité“ sagt er und spricht den K-Laut der zweiten Silbe so scharf und abgehackt, dass ich den fallenden Kopf vor Augen habe.

Manchmal weicht die eigene ach so weltoffene und tolerante Sichtweise von einer Minute zur nächsten einer schwäbischen Hausfrauenmentalität. Die Glocken der protestantischen Dorfkirche in meinem Kopf läuten schrill Alarm. Personen mit bizarrem Äußeren und wilder Biographie sind aus der Ferne ja ganz amüsant, so als Rocksänger, Thierry-Mugler-Model oder Türsteher im Berghain, man ist ja kein Spießer. Aber wenn so jemand auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, ist mein erster Gedanke: Wo habe ich den Geldbeutel hingelegt? Und die Kamera? Habe ich das Telefon auch wirklich in der Hosentasche? So ist das mit der Weltoffenheit und Toleranz.

Und was mache ich so?, fragt er.

Ja, was mache ich denn so? Ich bin, äh, arbeitslos. Schreibe ein bisschen. Passe im Winter auf das Haus einer Bekannten in den Cevennen auf, um ein paar Euro zu verdienen. Das Auto gehört ihr. Naja, was man halt so macht, um zu überleben. Und so weiter.

Es entwickelt sich ein Gespräch, in dem wir offenbar beide versuchen, beim jeweils anderen einen bestimmten Eindruck zu erwecken, von dem wir glauben, dass er besser zu ihm passe als die Wirklichkeit. Leo ist 25, siezt mich die ganze Zeit und scheint auf drollige Art zu versuchen, so wohlerzogen und seriös wie möglich zu wirken. Ich dagegen gebe mich so jugendlich und prollig wie es geht. Meine Unentspanntheit schmilzt langsam in einer Situationskomik, die phasenweise wirklich zum Brüllen ist. Und dann ergeben sich, trotz oder wegen unserer frisierten Berichte, wirklich interessante und überraschend persönliche Gespräche. Ich erfahre viel über die Gegend, über sein Leben in französischen Kinderheimen, über seine Einsamkeit in den Bergen und was die Dorfbewohner so von den Spinnen in seinem Gesicht halten. Warum er die ganzen Tattoos hat, vergesse ich zu fragen. Schade, dass ich am Anfang der Fahrt so viel Zeit mit Argwohn vergeudet habe. Ist nämlich echt ein netter Typ, der Leo.

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Sonntag, 15. Januar 2012
Lewin (16)
Die ersten zwei Wochen waren geprägt von starken Emotionen: Begeisterung, Glücksgefühle, Einsamkeit, Selbstzweifel, Wutausbrüche. Ich war getrieben von meinem Vorhaben und fühlte mich schlecht, wenn ich das Pensum nicht erfüllte, wenn ich nicht produktiv genug war. Ich beobachtete, suchte Worte, formte Sätze und Geschichten, verglich die Resultate und dachte jeden Tag aufs Neue: Jetzt bin ich endlich angekommen! Jetzt geht es endlich los! Weiter! Weiter!

Nun ist es anders. Die Tage reihen sich aneinander in wunderbarer Gleichförmigkeit. Ihr Beginn und ihr Ende wird durch die Versorgung der Tiere markiert. Die Katzen entwickeln Charaktere und ich kann ihre Stimmen unterscheiden, die Esel haben begriffen, dass sie meine Unpünktlichkeit durch lautes Brüllen sanktionieren müssen. Dazwischen scheint die Sonne und es geschieht sehr wenig. Grisou beißt ein Loch in meine Jacke. Der Sturm weht einen jungen Mauersegler aus seinem Nest und mir direkt vor die Füße, ich wärme ihn in meiner hohlen Hand und bringe ihn an einen windstillen Platz, wo er wegfliegt. Die Milch kocht über. Die Katzen räumen den Kühlschrank aus und fressen eine ganze Saucisson. Im Briefkasten liegt der Brief eines Freundes. Eine Nachbarin kommt vorbei und wir trinken eine Tasse Vervaine zusammen. Es gibt Nachtfrost. Der weite Blick über das Tal, der Sonnenuntergang über den Berggipfeln, das knisternde Feuer im Kamin, das Haus, der Garten, die Tiere – all das ist einfach da. Ich muss nicht schon im gleichen Moment nach Worten suchen, um es zu beschreiben, um es zu konservieren. Zeit und Ort erscheinen mir statisch und permanent. Gedanken können zu Ende gedacht werden. Wenn nicht heute, dann eben morgen. Ich habe sogar den Blog vergessen. Von den anderen Vorhaben ganz zu schweigen.

Ich lese Anna Karenina. Die russische Leidenschaft der Akteure springt beim Lesen auf mich über, mit beinahe jeder der Hauptfiguren kann ich mich glühend identifizieren; mit der betrogenen Dolly, mit der naiv-verliebten Kitty, mit Anna, die ihren Mann mit Wronskij betrügt, vor allem mit dem hinreißenden Lewin, der nach seiner Enttäuschung über Kittys Zurückweisung die Einsamkeit des Landlebens sucht; diese großartige Szene, in der er mit den Bauern die Wiesen mäht und wie er beim Sensen auf einmal eins wird mit seiner Tätigkeit und gar nicht mehr denkt und grübelt, sondern einfach nur IST; seine Sehnsucht nach dem simplen Glück, nach dem Dazugehören, nach einer Zufriedenheit, die unabhängig ist davon, ob man etwas besonderes geleistet oder großes vollbracht hat! Ich möchte sofort nach Russland fliegen, ihn heiraten und mein Leben mit ihm auf dem Bauernhof verbringen! Nein, eigentlich wünsche ich mir, dass er und Kitty zusammen kommen! Sie wird den Sommer auf dem Land verbringen, ganz in der Nähe von seinem Hof...Die Geschichte ist so großartig erzählt, dass dabei die Erzählkunst Tolstojs ganz in den Hintergrund tritt, man registriert nicht bewusst, wie phantastisch der Mann schreibt, weil man vollkommen in der Handlung versinkt und die ganze Zeit selbst in Kutschen durch Moskau und Sankt Petersburg fährt und an Salons, Bällen und Pferderennen teilnimmt. Jetzt habe ich leider nur noch knapp 700 Seiten vor mir, aber zur Not kann ich dann ja wieder von vorne anfangen, wie meine Schwester, die liest Anna Karenina einmal pro Jahr, mindestens. Bislang habe ich darüber ja gelächelt.

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Mittwoch, 11. Januar 2012
Spontane Entscheidung (13)
Auf der Strecke von Le Puy nach Aubenas führt die Nationalstraße N102 über die Gipfel der Cevennen, erreicht dabei 1200 Höhenmeter und schlängelt sich dann an den Berghängen hinab ins Tal. Links hängen Felsen bis an den Straßenrand, rechts gibt es eine doppelte Leitplanke, danach mehrere hundert Meter Leere, unten liegt die Schlucht der Ardèche und im Hintergrund bescheint die Abendsonne mehrere Reihen wolkenverhangener, schneebestäubter Gipfel. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine so spektakuläre Straße gefahren zu sein, vielleicht mit Ausnahme der Panamericana in der peruanischen Anden. Die Perspektive ist atemberaubend, am liebsten möchte ich in jeder Kurve anhalten, um zu fotografieren, aber das geht nicht, denn auf diesem Abschnitt ist die N102 zweispurig, hat keine Randstreifen und so gut wie keine Nothaltebucht. Es war ein ereignisreicher Tag, ich bin müde und gleichzeitig euphorisiert von der Schönheit der Landschaft. Ich fahre ziemlich langsam, damit ich mich gleichzeitig ein bisschen umschauen kann.

Dann sehe ich links den Weg. In einer Haarnadelkurve zweigt er von der Hauptstraße ab und führt den Berg hinauf. Der Weg ist zwar unbefestigt und schmal, da ist auch irgendein Verbotsschild, aber gerade ist die Straße vor und hinter mir frei, also biege ich spontan ab. Nur mal schnell ein bisschen gucken, ein paar gute Fotos machen, dann ab nach hause, die Esel warten schon. Ich fahre den Weg vielleicht hundert Meter nach oben bis hinter eine Biegung. Das Panorama ist wirklich unglaublich. Ich steige aus, fotografiere, genieße ein paar Minuten die frische, kühle Luft. Weit und breit kein einziges Gebäude. Die Stille wird nur von den Motoren weniger Lastwagen unterbrochen, die weit unter mir auf der Straße vorbeikeuchen. Wunderbar! So, und jetzt weiter!

Der Weg ist in den Abhang gefräst wie die Verzierung in einem selbstgeschnitzten Spazierstock, an dem man mit dem Taschenmesser die Rinde herausschnitten hat, damit eine Girlande entsteht. Links Felsen, rechts Abgrund. Er ist breit genug, um mit dem Auto bequem in eine Richtung zu fahren, aber an Wenden ist nicht zu denken. Rückwärts zurück auf die Nationalstraße zu rollen ist auch keine Option, also fahre ich einfach noch etwas weiter bergan, denn wo ein Weg ist, ist auch irgendwo ein Wendeplatz. Denke ich. Und fahre. Und fahre. Und fahre. Eigentlich bin ich noch ganz entspannt, damals in Peru musste ich ähnliche Wege nehmen mit 15 tobenden Heimkindern im Fond, war ja auch kein Problem. Aber in Peru hatte ich einen Jeep; ich wusste, dass die Wege irgendwann irgendwo ankommen würden; und ich war nicht allein. Ich habe wohl zwei Kilometer Distanz und viele Höhenmeter überwunden, befinde mich auf der Rückseite des Berges, die Nationalstraße ist schon längst nicht mehr zu sehen, da ist plötzlich Schluss: Steinschlag, der Weg vollständig zugeschüttet, weiterfahren unmöglich.

Die Erkenntnis dauert nicht lange und kommt in Wellen: Der Abend dämmert, ich stehe mit einem Kleinwagen im französischen Hochgebirge auf einem Weg, der an manchen Stellen gerade so breit ist wie das Auto lang, und habe zwei Optionen: Über zwei Kilometer Rückwärtsfahren oder Wenden. Im Nachhinein ist die Analyse des eigenen Verhaltens in einer solchen Situation sehr aufschlussreich. Es ist ja keine Situation mit Zeitdruck, es brennt nicht, mir rennt nicht bei 180 km/h ein Wildschwein vors Auto, ich muss nicht sofort reagieren. Man könnte also aussteigen, in Ruhe das Gebiet erkunden, nach anderen Möglichkeiten suchen. Man könnte in aller Seelenruhe rückwärts fahren, ganz vorsichtig, auch wenn es vermutlich Stunden dauern würde. Man kann aber auch eine sofortige Lösung herbeizwingen.

Ich lasse mich einige Meter bergab rollen, bis zu einer Stelle, wo der Fels auf der linken Seite nicht ganz so steil an den Wegrand herankommt und wo rechts ein fingerdickes Bäumchen, das direkt unter Klippe wurzelt, den Anfang der Schlucht markiert. Der Weg scheint hier etwa so breit zu sein wie das Auto lang. Dann beginne ich das Wendemanöver, zentimeterweise vor und zurück, ganz langsam, viel Handbremse, viel Kupplung, wenig Gas. Wäre doch gelacht! Vorstoßen, bis das Bäumchen unter der Stoßstange zittert, zurückrollen, bis es nicht weiter geht. Als der Wagen quer auf dem Weg steht, drehen die Vorderräder im Rückwärtsgang durch und das Bäumchen biegt sich bedenklich. Ich spreche mit mir selbst, gebe mir mir ruhiger Stimme Anweisungen, das Herz pocht ziemlich, ansonsten bin ich recht cool und konzentriert, bleibt mir ja auch nichts anderes übrig. Der Wagen rutscht nicht. Mit viel Handbremse und sehr wenig Gas geht es dann doch weiter. Vielleicht hätte ich vor dem Manöver besser den Gurt öffnen sollen, denke ich, als es vorbei ist, und fahre heim.

Abends finde ich einen Brief von meinem Patensohn im Briefkasten. Er ist fast vier Jahre alt und hat mir ein Bild gemalt vom Silvesterfeuerwerk in Berlin, ganz bunt und mit viel Glitzer. Auf der Rückseite hat er seiner Mutter einen Brief diktiert, den ich zitiere, ich denke, er wäre einverstanden:

‚Lieber Bomec, ich geb dir einen Zuckerlutscher. Ich schenk dir wenn du Geburtstag hast ein Windrad und an deinem nächsten Geburtstag ein Paket mit ganz viel Stiften drin, ganz viel Zeug, Kleber und Herzen und Ausstecher. Aber die Herzen sind aus Kuchen, O.K.? Bis bald, Tschüß, ich gehe...’.

Da steh ich dann so in einem Häufchen Konfetti.

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Überdosis (12)
Stundenlang habe ich wieder am Computer gesessen und versucht, in der Geschichte voran zu kommen. Ich weiß ja genau, wo ich hin will. Die Rahmenhandlung steht mehr oder weniger fest, ich müsste sie einfach nur niederschreiben. Ich kenne die Handlungsorte wie meine Westentasche und auch die Charaktere der Hauptfiguren sind mir so geläufig, dass ich sie sonnenklar vor Augen habe. Ich höre, wie sie reden und sehe, wie sie sich bewegen, ich kann sie sogar riechen. Aber sie agieren nicht und stehen nur dumm in der Gegend rum. Es will mir einfach nicht gelingen. Alles, was ich niederschreibe, kommt mir hölzern vor, gewollt, an den Haaren herbei gezogen. Ich verbeiße mich in Formulierungen, schiebe Nebensätze hin und her, schreibe maximal einen Absatz in zwei Stunden. Und wenn ich den dann lese, ist der Ich-Erzähler mir selbst so unsympathisch, dass ich ihm sagen möchte: Halt doch einfach mal die Fresse!

Als ich den Computer ausschalte, bin ich vollkommen erschöpft. Meine Augen brennen, seit heute morgen habe ich nichts gegessen und zwei Päckchen Zigaretten geraucht, ich fühle mich wie nach einer durchzechten Nacht. Frustriert kraule ich die Katze in meinem Schoß und sie schnurrt und schaut mich an, als wolle sie mir Mut machen. Auf ihrem rechten Ohr sehe ich einen Punkt, der langsam nach unten krabbelt. Ich setze die Katze auf den Boden und trinke das Glas mit Whiskey, das vor mir auf dem Tisch steht, in einem Zug leer; bitte kein Ungeziefer jetzt, das fehlt mir gerade noch! An meinem Gaumen bleibt ein Fremdkörper kleben, etwas muss im Glas gewesen sein, weich und glitschig fühlt es sich an. Ich spucke es in meine hohle Hand und erkenne eine aufgeweichte Metapher, grünlich schimmernd, so alt ist sie. Angeekelt lasse ich sie fallen. Bin wahrscheinlich völlig unterzuckert, muss was essen, so geht das nicht weiter. Im Vorratsschrank nur Buchstabensuppe und Russisch Brot, im Kühlschrank gähnende Untertreibung, ich muss ins Dorf und einkaufen. Kann ich überhaupt noch fahren?

Egal, ich springe ins Auto und starte den Motor. Vor dem Nachbarhaus steht ein unbekleideter Infinitiv und winkt mir zu, im Vorbeifahren registriere ich, dass er ein riesiges Präfix hat, aber ich ignoriere ihn, gebe Gas und lenke meinen Focus durch die S-Kurven, die aus dem Dorf führen. Auf der Weide neben der Straße eine Herde Anspielungen, sie fressen alle blumigen Adjektive des letzten Jahres, langsam bekomme ich es mit der Angst zu tun. Mit quietschenden Reimen rase ich die Straße herunter, weiche mit Mühe den tiefsten Schlagworten aus, sehe schon von weitem die Schreibblockade vor dem Ortseingang, mache eine Redewendung und finde in letzter Sekunde eine Abkürzung zur Pointe. Aber im Präteritum ist keine Formulierung frei, ich muss bis ins Plusquamperfekt, um eine zu finden. Im Imperfekt kalauert mir dann so ein halbstarker Genus entgegen, schon aus der Ferne versucht er mich zu steigern und dichtet: Willst Du Lese-Rechtschreibschwäche, Alter? Da platzt mir der Vokativ und ich zitiere in Fettschrift: KONJUGIER DEINE MUTTERSPRACHE DU NEUTRUM !!! So unlektoriert bin ich sonst nie. Dann überlese ich ihn und blättere in die Agentur. Die Agentin hinter der Sprachbarriere trägt einen gepunkteten, hautengen Diminutiv, der ihre weiblichen Artikel betont wie Demonstrativpronomen. Ein echtes Vollverb, aber sie sieht ein bisschen so aus, als ginge sie als Nebensatz auf den Gedankenstrich. Ich paraphrasiere nicht lange, recherchiere zwei Floskeln und ein Paradoxon, kopiere eine Tüte Ironie und ein A und ein I zum Gleichschreiben, poste ‚Merci’ und buchtabiere rückwärts zum Focus. In der Reflexion lese ich dann meinen Nominativ: sarkastische Schrift, dicke schwarze Unterstriche, in meinen geröteten Vokalen schimmern Fragezeichen. Ich sollte wirklich einen Punkt machen.

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Dienstag, 10. Januar 2012
Die Stille ist ein Geräusch (11)
Samstags liegt die neue 'ZEIT' im Briefkasten. Auf dem Frühstückstisch wird sie im Lauf der Woche in Einzelteile zerpflückt, die dann in den Altpapierkorb neben dem Brennholz wandern. Seit Tagen entfache ich das Kaminfeuer mit dem Konterfei des Bundespräsidenten, aber ich frage mich nicht, wie lange das noch so weiter geht. Die Uhr auf dem Kaminsims zwitschert zur vollen Stunde mit der Stimme eines Singvogels, der statt der Uhrzeit auf dem Zifferblatt abgebildet ist. In Kombination mit dem dreistimmigen Schnurren der Katzen, das an Elektromotoren von Rasenmähern erinnert, ergibt sich eine Geräuschkulisse wie an einem Frühlingstag in einer Berliner Kleingartensiedlung.

Es ist Viertel nach Rotkehlchen und noch dunkel draussen. Ich bin früh aufgewacht und sitze lesend in einem der Ohrenlehnsessel. Drei Katzen führen andauernde Scharmützel um das Vorrecht, in meinem Schoß ihre morgentlichen Säuberungsrituale durchzuführen. Ich werde erobert, verteidigt und wieder verloren und komme mir dabei vor wie ein kaffeetrinkendes Jerusalem. Der Titel meines Buches passt zur Stimmung wie die Faust aufs Auge. 'Die Stille ist ein Geräusch' von Juli Zeh ist eigentlich ein Reisebericht. Die Autorin und ihr Hund machen sich nach Ende der Balkankriege auf zu einer Reise durch Bosnien. Ich habe das Buch schon mehrmals gelesen, aber jedes Mal wieder bin ich begeistert von der Erzählstimme dieser Autorin, ihrer Leichtigkeit, ihren Metaphern, ihrem Sprachwitz. Ich kenne keinen Schriftsteller, der die widersprüchliche Lebenswirklichkeit der Menschen in dieser Region und die Konflikte und Vorurteile, die man als Besucher dort in sich trägt, so eindrücklich erlebbar macht wie Juli Zeh. Zuerst bekomme ich immer unglaublichen Appetit auf Wassermelonen. Und nach jedem zweiten Absatz möchte ich niederknien vor Begeisterung über ihre Sprache, erst fünf Minuten gen Leipzig beten, dann mein Schreibprogramm deinstallieren und bis zum Ende meiner Tage alle eigenen Ambitionen begraben.

Langsam dämmert der Morgen. Um Nachtigall habe ich eine Verabredung mit dem Gemüsehändler im Ort, ich habe eine Kiste Karotten für die Esel bestellt. Im Haus gibt es keine mehr und ohne Karotten bewegen sich die Esel nicht von A nach B, das verhält sich ähnlich wie mit den Fahrjetons beim Autoscooter. Danach werde ich mir eine Pause gönnen und vielleicht einen Ausflug machen. Le Puy soll sehr schön sein, habe ich gehört.

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Montag, 9. Januar 2012
Vollmond (10)
Als ich mit einem Glas Rotwein am Kaminfeuer sitze, habe ich das Bedürfnis, zu furzen. Ich zögere einen kleinen Moment, dann furze ich einfach. Die Katzen öffnen noch nicht einmal ihre Augen.

Ich überlege. Nehme einen Schluck Wein. Überlege weiter. Dann fällt mir ein: Ich bin allein hier. Niemand sagt mir, was ich zu tun oder zu lassen habe. Ich kann wirklich machen, was mir gefällt. Ich lasse die Tatsache auf mich wirken.

Dann stehe ich auf, ziehe Schuhe und Jacke an, setze die Kopfhörer auf, stürze aus dem Haus und springe die Treppe zum Turm hoch. Auf dem Hochplateau ist der Wind so stark, daß ich mich dagegen stemmen muß, ich trete ganz an den Rand der Klippen und blicke über das weite Tal. Der Vollmond steht senkrecht am Himmel und taucht alles in perlmuttfarbenes Licht. Ich suche einen Song raus, drehe das Volumen so laut es geht, und tanze. Das Mondlicht zeichnet meinen Schatten aufs Gras und der Wind zerrt an mir und ich singe laut mit, renne über das Hochplateau durch die silberne Nacht, streichele den Mond, küsse die Sterne, lache in die Dunkelheit, brülle in den Sturm, schlage Purzelbäume, bette mich auf Thymiankissen und bleibe liegen, liege still und atme tief und bin ganz hier.

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Sonntag, 8. Januar 2012
Endlich (9)
Nicht Formulierungen denken, sondern Gedanken formulieren. Nicht essen, nicht trinken, nicht innehalten. Nach zehn Stunden aufwachen vom Gebrüll der Esel. Die Kaffeetasse von heute Morgen noch auf dem Tisch, draußen Mond, Sturm und zerfetzte Wolken. Mist, ich habe das Wasser angelassen.

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Samstag, 7. Januar 2012
Wochenende (8)
Heute verspürte ich zum ersten Mal seit ich hier bin so etwas wie Sehnsucht nach Berlin. Ich überlegte mir, was ich an einem Samstagmorgen um diese Uhrzeit alles dort machen könnte. Zum Ausmisten des Eselstalls setzte ich Kopfhörer auf und hörte ein DJ Set von Marcel Dettmann. Mit etwas Phantasie konnte ich mir beinahe vorstellen, wenn auch nicht in der Panorama Bar, so doch zumindest in einem Nebenraum des Laboratory unter dem Berghain zu sein. Manche Gegebenheiten stimmten überein: die rohen Betonwände, die Dunkelheit, der dreckige Boden, der etwas strenge Geruch; außerdem waren alle Anwesenden stark behaart und unheimlich scharf darauf, was ich in der Tasche hatte. Ich versuchte ein bisschen zu tanzen, aber das erschreckte die Esel, also gab ich ihnen die Karotten und lies sie in Frieden.

Nach einem langen Vormittag am Computer fiel mir die Decke auf den Kopf und ich setzte mich ins Auto und fuhr nach Aubenas. Dort war heute Markttag. Ich brauchte ein bisschen sozialen Kontakt und wollte auch noch ein Geburtstagsgeschenk für meine Schwester besorgen. Als ich das Auto geparkt hatte und in die Innenstadt ging, kam mir ein vollkommen betrunkenes Pärchen entgegengetaumelt. Die beiden waren so absolut megabreit, wie man es alleine von Alkohol um diese Uhrzeit eigentlich kaum sein kann. Bis sie aus meinem Blickfeld verschwunden waren, fielen sie zwei Mal um und rappelten sich nur mit Mühe wieder auf. Keine hundert Meter weiter begegnete mir ein weiteres Pärchen, das sich in einem ähnlich desolaten Zustand befand. Ich ging dann mit offenen Augen durch die Fußgängerzone und sah and jeder Ecke kiffende und betrunkene Leute - das Kottbusser Tor ist im Vergleich zur Fußgängerzone von Aubenas ein mormonischer Freilichtgottesdienst. Als ich bei L'Occitane das Geschenk für meine Schwester bezahlen wollte, streichelte mir der greise, tuntige Parfümverkäufer, der unglaublich aus dem Mund stank, auf einmal über die Hand und stellte mir sehr persönliche Fragen. Und als ich zu meinem Auto zurückkam, lag eine vollkommen orientierungslose Frau auf der Motorhaube des Nebenfahrzeugs und kotzte aufs Pflaster. Ich meine, ich spreche hier von der französischen Provinz an einem Samstag Nachmittag um 16 Uhr - haben die da einen Ketamin-Stand auf dem Wochenmarkt oder was? Ich wollte der Frau helfen, aber zwei ältere Herren kamen mir netterweise zuvor.

Nächste Woche werde ich mir vielleicht mal genauer anschauen, was auf dem Markt von Aubenas geboten wird. Für heute hatte ich genug der Zivilisation und flüchtete auf den sicheren Berg. Und Sehnsucht nach Berlin hab ich auch nicht mehr.

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Freitag, 6. Januar 2012
Ghostwriter (7)
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(Als ich zum Rauchen auf der Terrasse war, setzte sich Sylvester auf die Tastatur meines Computers und produzierte dabei die obenstehenden Zeilen. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.)

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Donnerstag, 5. Januar 2012
Katz und Maus (6)
Ich ging früh ins Bett und las vor dem Einschlafen ‚Faggots’ von Larry Kramer, einen ziemlich pornographischen Roman, der in der schwulen Subkultur der Siebziger Jahre in New York spielt. Es ist ein Kultbuch der Homosexuellen, ein Freund hat es mir geschenkt; ziemlich gut geschrieben, aber nicht unbedingt die passende Lektüre, wenn man sich in Frankreich auf einem einsamen Berg aufhält. Nach einigen Kapiteln schaltete ich das Licht aus, aber konnte lange nicht einschlafen, weil meine Gedanken auf Reisen gingen. Ich war in einer vollkommen anderen Welt, als plötzlich wie aus dem Nichts eine Katze auf mich sprang und ihre Krallen in meine Oberschenkel wetzte. Ich erschreckte mich dermaßen, dass ich laut schrie und um mich schlug. Sylvester, der fette Kater, hatte sich unbemerkt angepirscht, offenbar hatte ich die Schlafzimmertür offen gelassen. Jetzt rannte er ängstlich fauchend und miauend aus dem Zimmer. Als ich das Licht anmachte und feststellte, dass ich unverletzt war, tat mir das arme Tier schon wieder leid. Er ist die einzig männliche Hauskatze und natürlich kastriert. Wie soll er wissen, dass nicht jeder, der in der Dunkelheit rhythmisch mit der Bettwäsche raschelt, gerade Mäuschen mit ihm spielen will?

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